ETIKETTE TÖTET
Mai 8, 2009 von Patrik Maillard
Gesundheit wird in der westlichen Kultur immer mehr zur absoluten Norm erklärt.

Wenigstens der Schneemann darf noch fett sein
Galt früher die Rundung unterhalb der Brust als Wohlstandsbauch, ist sie heute Zeichen proletenhafter Wurstfress- und Biertrinkkultur. War Rauchen einst ein Genuss, wird heute die vor der Eingangstüre zur Bar stehende, frierende zigarrettenkonsumierende Person als todgeweiht bemitleidet. Natürlich aus Distanz, denn man könnte sich – oh Schreck – noch einen Hauch Passivrauch einverlungen. So richtig begonnen hat dieser Niedergang der Genusskultur zu Gunsten des übertriebenen Körperkultes in den USA der frühen 80er-Jahre, als der damalige Erdnuss-Produzent und Präsident der USA, Jimmy Carter, sich zum Gesundheitsapostel wandelte und als leuchtendes Beispiel gleich selbst am New Yorker Marathon teilnahm. Dass er dabei einen Kollaps erlitt, tat dem Siegeszug des Joggings und später des Aerobics (altbewährte Gymnastik gemischt mit poppiger Musik) keinen Abbruch. Man liess sich nicht mehr gehen, hatte straffe Brüste und Waschbrettbäuche bis ins Alter und die Welt war so etwas wie ein riesiger Fun-Park. Fette Ärsche in der Badeanstalt galten als Beleidigung fürs Auge (das dennoch den Blick nicht von der Schwabbelmasse lassen konnte). Dann kam AIDS, das auch von gesund aussehenden, braungebrannten, muskulösen Menschen verbreitet wurde, die oft nicht einmal wussten, dass sie den Virus in sich trugen. Aber man war ja nicht schwul, kein Junkie und auch kein Bluter: MAN WAR GESUND. Joschka Fischer rannte sich seinen Bauch nun im Wald vom Leib und nicht mehr während der Strassenschlachten des unruruhigen Frankfurts der späten 60er-Jahre. Stirbt heute ein Mittvierziger an einem Herzinfarkt, heisst es: “Schade, hätt er doch auf mich gehört, sich ein paar Pfunde abtrainiert und das Rauchen aufgegeben, so wär er vielleicht noch am Leben.” SELBER SCHULD. Wir brauchen einfache Erklärungen für verfrühtes Absterben, möglichst welche, bei denen wir uns überlegen fühlen können. “Ich rauche nicht mehr, deshalb gehöre ich nicht zur Risikogruppe”, oder “Mit meinem optimalen BMI werd ich dem Tod noch lange ein Schnippchen schlagen”. Dass man am kaum erfüllbaren Anspruch an Idealgewicht und “gesundem Lebensstil” zerbrechen kann, ist kaum ein Thema. Gesundheit in einem für mich vernünftigen Sinn ist verbunden mit Genussfähigkeit, Lebensfreude und der Akzeptanz eines unperfekten Körpers, in dem man sich aber wohl fühlt. Und wenn ich dann ein paar Jahre weniger im Diesseits bin, aber das Leben in vollen Zügen gelebt habe, gehe ich dann hoffentlich dafür in Frieden mit mir selbst… AMEN
siehe auch einer meiner früheren Artikel “Feste feiern statt Nahrungsergänzung”
Gefällt mir:
Sei der Erste, dem dieser post gefällt.